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    Montag, 27. November 2023, 5:05 Uhr
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    (Wdh.06:05, 07:05, 09:05, 12:05, 13:05, 15:05, 18:05)

    Kontrafunk aktuell vom 27. November 2023

    Andreas Peter im Gespräch mit Stefan Uhlig, Frank Wahlig und Stefan Homburg – Kontrafunk-Kommentar: Cora Stephan

    In der Ausgabe vom 27. November beleuchten wir das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zum Nachtragshaushalt 2021. Im Gespräch mit Andreas Peter erläutert Prof. Stefan Homburg, langjähriges Mitglied des wissenschaftlichen Beirates beim Bundesfinanzministerium, welche Konsequenzen sich daraus ergeben. Frank Wahlig, der für Kontrafunk den Bundesparteitag der Grünen verfolgt hat, schildert seine Eindrücke vom Wochenende. Während Europa nach Island und Italien blickt, wo Ausbrüche von Vulkanen erwartet werden, lassen wir uns von dem Diplom-Geologen Dr. Stefan Uhlig die Risiken und grundsätzlichen Vorgänge im Erdinneren erklären. Und Cora Stephan kommentiert das aus ihrer Sicht nur noch merkwürdige Verständnis und Verhältnis der deutschen Außenpolitik zu Fragen von Schuld und Sühne im Namen Deutschlands.

    Interview 1

    Schwierige Finanzfragen nach dem Karlsruher Urteil zur Haushaltspolitik

    Interview 2

    Der Bundesparteitag der Grünen

    Interview 3

    Brechen die Vulkane in Island und Italien bald aus?

    Kommentar

    Die Weißen sind an allem Schuld. Die Deutschen vorneweg

    Die deutsche Außenpolitik scheint von einem eigentümlichen Amalgam aus antiimperialistischer DDR-Historiografie und „Critical White Theory“ bestimmt zu sein. Wir erinnern uns: Frau Baerbock gab mit Schuldstolz die sogenannten Benin-Bronzen, im 19. Jahrhundert von den Briten konfisziert und auch von deutschen Museen angekauft, an das Volk von Nigeria zurück – wobei es ein einziges  „Volk“ von Nigerianern gar nicht gibt. Folgerichtig landeten die Benin-Bronzen beim Königshaus von Benin, dem sie einst gehörten – ein Königshaus, das für brutalen Sklavenhandel bekannt war. Im Außenministerium kennt man sich offenbar mit Geschichte nicht so richtig aus, aber das macht nichts: Die Weißen sind nunmal immer und an allem schuld. Und „Germany first“.

    Baerbocks Vorgänger Heiko Maas wiederum hat womöglich seine Geschichtskenntnisse aus den Werken von DDR-Historikern bezogen. So jedenfalls könnte man sich erklären, wieso er im Mai 2021 das deutsche Volk bis ins zigste Glied eines Völkermordes beschuldigte: „Wir“, die Deutschen, hätten in der kurzen deutschen Kolonialzeit zwischen 1884 und 1918 „Völkermord“ betrieben und bäten „Namibia und die Nachkommen der Opfer um Vergebung“. Nun, 120 Jahre später, soll Deutschland in den kommenden 30 Jahren 1,1 Milliarden Euro für Entwicklungs- und Versöhnungsprojekte zahlen, zusätzlich zu der regulären Entwicklungshilfe – an ein Land, das erst seit 1990 existiert.

    Die deutsche Schutztruppe habe 1904 den Stamm der Herero (fast) ausgerottet, lautet die Anklage. Von 100.000 vernichteten Herero spricht der türkische Staatspräsident Erdogan 2016. Andere sprechen von 60.000, wiederum andere von 80.000, aber in Wahrheit kennt man weder die Zahl der Herero vor 1904 noch danach. Aber egal, das passt doch zu den Deutschen! Mit den Herero fing es an, mit den Juden endete es. Diese Kontinuitätsthese wird auch von DDR-Historiker Horst Drechsler vertreten, der den „antiimperialistischen Auftrag des 22. Parteitags der sowjetischen KP“ von 1961 treulich erfüllte, indem er allein Westdeutschland die historische Verantwortung für Kolonialverbrechen ungeheuren Ausmaßes zuwies. 

    Gerechterweise muss man zugeben, dass Drechsler sich auf eine Quelle bezog, die aus Großbritannien stammte, das „Blue Book“ von 1917, mit dem die Briten bei den Verhandlungen in Versailles belegen wollten, dass den Deutschen die moralische Eignung als Kolonialmacht fehle. Die Briten selbst hatten ihre moralische Eignung ja bekanntlich in den Konzentrationslagern für die Buren in Südafrika bewiesen. Immerhin zogen sie wegen nachgewiesener Fälschungen ihre Propagandaschrift 1926 zurück, aber das Bild von der deutschen Bestie blieb bestehen und wird auch heute noch gern wieder aufpoliert. Nun also, 120 Jahre später, soll Abbitte geleistet werden, verbunden mit einem nicht gerade geringen Batzen deutschen Steuergeldes. Angesichts dessen fordert der Schriftsteller Michael Klonovsky einen erneuten Historikerstreit, der dem großzügigen Regierungshandeln Grenzen aufzeigen sollte. Das Schuldeingeständnis von Heiko Maas eignet sich im Übrigen vortrefflich für alle möglichen anderen Ansprüche. 

    Doch von „Genozid“ und „Völkermord“ an den Herero kann kaum die Rede sein. Die waren Stammesfehden gewohnt und ermordeten mit dem Schlachtruf „Tötet alle Deutschen!“ im Januar 1904 123 Siedler, Händler und Soldaten. Unter der Führung von General von Trotha kam es dann zur Konfrontation am 11. August am Waterberg. Schätzungsweise standen den Soldaten der deutschen Schutztruppe etwa 6000 Herero-Krieger gegenüber, die sich in der Dornensavanne weit besser auskannten. Zur Schlacht kam es nicht, nur zu kleineren Gefechten und Attacken. 

    Dabei siegte nicht die deutsche Schutztruppe, geschweige denn, dass sie 100.000 Herero hätte meucheln können, die sie im Übrigen auch nicht zum Verhungern und Verdursten in die Omaheke geschickt hatte. Es waren vielmehr die Herero selbst, die sich weiterer Konfrontation entzogen, indem sie mit Frauen, Kindern und Viehherden auf ihnen seit langem bekannten Routen die Kalahari und Omaheke durchquerten (keine Wüste, sondern eine Savanne mit mehreren Wasserstellen), um ins britisch kontrollierte Betschuanaland zu gelangen. Kurz: Sie waren keine Opfer schlechthin, ließen sich nicht ohne Gegenwehr niedermetzeln, sondern entzogen sich dem Scharmützel. Der deutschen Schutztruppe hingegen ging es miserabel. Krankheiten dezimierten die Truppe, Pferde und Zugtiere verendeten, Nachschub kam nicht, die Vorräte waren aufgebraucht. Die Gesamtzahl der in der Konfrontation mit den Herero eingesetzten Soldaten betrug laut der Historikerin Brigitte Lau 4700 Mann, von denen 2000 oder 3000 gestorben sind. 

    Von Trotha aber prahlte mit einem angeblichen Sieg, wobei seine martialischen Töne im Reich gar nicht gut ankamen. Dort achtete man peinlich darauf, dass sich die Deutschen in ihren Kolonien anständig verhielten. Man wollte weder wie die Briten noch etwa wie der belgische König hausen. Im deutschen Reichstag wurde jedes Kolonialverbrechen aufgedeckt, meist von Sozialdemokraten, mit entsprechenden Konsequenzen. Doch einige deutsche Historiker meinen offenbar, dass sich die Deutschen im Völkermorden von niemandem übertreffen lassen. Das übrigens war eine unangenehme Folge des ersten Historikerstreits: da man „vergleichen“ mit „gleichsetzen“ verwechselte, wurde ab da über die Menschheitsverbrechen von Stalin und Mao nicht mehr geredet. Als ob das eine das andere relativiere. 

    Aber so ist das eben mit dem Schuldstolz. Wir sind die Größten im Schlimmsten.