Kontrafunk aktuell vom 4. Juni 2025
Die Ukraine hat mit einer spektakulären Aktion russische Langstreckenbomber zerstört oder beschädigt. Welche Auswirkungen dieser Schlag auf die Friedensverhandlungen hat, wie Russland reagieren könnte und wie sich der Krieg in der Ukraine entwickelt, besprechen wir mit dem langjährigen Moskau-Korrespondenten Wolfgang Koydl. Was ist von Lauterbachs Nachfolgerin im Gesundheitsministerium, Nina Warken, zu erwarten? Eine Einschätzung dazu von Dr. Jörg Schierholz, Berater im Bereich Pharma-, Medizin- und Chemietechnik. In Syrien sind bis vor kurzem Massaker an Minderheiten wie der alawitischen Gemeinschaft verübt worden. Über die Hintergründe und die aktuelle Lage in Syrien berichtet Jens Kreinath, Professor für Kulturanthropologie in Kansas, USA. Und Tobias Gall beschäftigt sich in seinem Kommentar mit Kriegsopfern.
Wolfgang Koydl: Ukrainische Drohnen und die Folgen
Jörg Schierholz: Pläne der neuen deutschen Gesundheitsministerin Nina Warken
Jens Kreinath: Massaker an Alawiten und Drusen in Syrien
Tobias Gall: Zwischen Wahrheit und Krieg
In den letzten Tagen ist eine bemerkenswerte Verschärfung in der Diskussion über die israelische Militärintervention im Gazastreifen zu beobachten. Staatliche Einrichtungen und gesellschaftliche Akteure weltweit äußern sich zunehmend kategorisch zu angeblichen Völkerrechtsverletzungen oder Missachtungen humanitärer Standards und – besonders – zur Höhe ziviler Opferzahlen. Es sind diese vermeintlichen Gewissheiten, die Anlass zu einem Zwischenruf geben. Nicht, weil Kritik an den IDF unzulässig wäre – sondern weil sie auf Annahmen beruht, die weder methodisch noch faktisch legitim erscheinen. Die Überzeugung, man könne während eines laufenden Kriegsgeschehens präzise Angaben über Opferzahlen machen, ist ein Trugschluss, der sich durch die gesamte Kriegsgeschichte zieht. Moderne Kriegsführung im urbanen Raum, verbunden mit ungleichen Kräfteverhältnissen, macht es faktisch unmöglich, verlässlich und zeitnahe Angaben zu Todesopfern, insbesondere zur Unterscheidung zwischen Kämpfenden und Zivilisten, zu treffen. In der Kriegssituation selbst – und das ist nicht nur eine Redensart, sondern historische Erfahrung – ist die Wahrheit stets das erste Opfer.
Es ist ein klarer Befund: Noch nie gab es in einem modernen Krieg den Fall, dass während der laufenden Kampfhandlungen verlässliche Daten zur humanitären Lage verfügbar gewesen wären. Es liegt in der Natur kriegerischer Auseinandersetzungen, dass sich Informationen schnell nur interessenbedingt verbreiten. Wer dennoch vorgibt, genaue Zahlen während des Geschehens zu kennen, ignoriert alle Standards seriöser Erkenntnis. Ein besonders anschauliches Beispiel für die langfristige Unzuverlässigkeit von Opferzahlen im Krieg bietet der alliierte Luftangriff auf Dresden im Februar 1945. Über Jahrzehnte hinweg kursierten weltweit Zahlen von 200.000 bis 300.000 Toten – gestützt auf frühe Schätzungen, die sowohl in der NS-Propaganda als auch in späteren politischen Deutungen ihren Zweck erfüllten. Erst 2004 legte eine Historikerkommission nach langer Forschung einen belastbaren Bericht vor: Die Opferzahl lag mit rund 25.000 über 90 Prozent niedriger. Diese Differenz ist Ausdruck der fundamentalen Unsicherheit von Kriegsdaten und zugleich ein Zeugnis der Langlebigkeit falscher Erzählungen. Die Zahlen wirkten moralisch und politisch. Und doch waren sie falsch. Wer heute also vermeintlich präzise Angaben übernimmt, die innerhalb weniger Minuten nach einem israelischen Luftschlag kommuniziert werden, und zwar durch eine Organisation wie die Hamas – eine diktatorische Terrororganisation ohne Pressefreiheit und unabhängige Zivilgesellschaft – der handelt entweder in einer befremdlichen historischen Naivität oder mit politischer Absicht.
Die Hamas ist nicht irgendeine Konfliktpartei. Sie ist eine Terrororganisation, deren Handeln auf Täuschung und Propaganda beruht. Dass sie, nach jedem militärischen Zwischenfall, binnen Stunden detaillierte Opferstatistiken inklusive Alters- und Geschlechterverteilung veröffentlicht, wäre schon selbst in einem funktionierenden Gesundheitssystem äußerst zweifelhaft – in einem zerstörten Gebiet jedoch völlig ausgeschlossen. Die einzige mögliche Schlussfolgerung lautet: Diese Zahlen sind erfunden. Sie dienen nur der Demagogie und beruhen sicher nicht auf realer Beobachtung. Daraus folgt eine scharfe zwingende Regel: Diese Daten dürfen in keiner rechtlichen, politischen oder ethischen Bewertung Berücksichtigung finden. Wer dies dennoch tut, übersieht, dass er sich der Argumentation einer Organisation bedient, die selbst keinerlei Standards eines Rechtsstaats genügt.
In einem solchen Umfeld bleibt allein die Rückbindung an den Charakter des handelnden Staates. Israel ist ein demokratischer Staat mit freier Presse, unabhängiger Justiz und kritischer Gesellschaft und als solcher ein winziger Vorposten des Westens im arabischen Raum. Dass Israel militärisch gegen die Hamas vorgeht, ist angesichts der Massaker unstreitig nachvollziehbar. Ob dabei im Einzelfall Fehler, Übergriffe oder völkerrechtliche Verstöße vorkommen – das kann und soll geprüft werden. Doch jede Bewertung braucht Vertrauen in Israels Rechtsstaatlichkeit. Ein Gegenbeweis ist selbstverständlich möglich. Aber er muss auf unabhängigen Prüfungen beruhen – nicht auf Echtzeitdaten einer sadistischen Mörderarmee. Kritik an Israel ist kein Tabu – aber sie muss sich ihrer Grundlagen bewusst sein. Wer behauptet, schon jetzt über Ausmaß und Rechtmäßigkeit des israelischen Handelns genau Bescheid zu wissen, argumentiert nicht, sondern verleumdet. Er macht sich zum Erfüllungsgehilfen eines Informationskrieges, dessen Ziel es ist, moralische Grunderkenntnisse zu schleifen. Gegenüber diesem Ziel ist intellektuelle Redlichkeit die stärkste Verteidigung, die unbedingt einzufordern ist. Um eine bisher eher als hohle Phrase verwendete Formulierung mit etwas Inhalt zu füllen: Vertrauen in Israels auch völkerrechtlich rechtsstaatliches Handeln muss nicht nur die deutsche, sondern die Staatsräson des Westens bleiben.
