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    Montag, 4. November 2024, 5:05 Uhr
    Montag, 4. November 2024, 5:05 Uhr
    (Wdh.06:05, 07:05, 09:05, 12:05, 13:05, 18:05)

    Kontrafunk aktuell vom 4. November 2024

    Stefan Millius im Gespräch mit Sabine Beppler-Spahl, Pierre Heumann und Alexander Peske – Kontrafunk-Kommentar: Michael Andrick

    Was hat Wladimir Putin mit den nordkoreanischen Soldaten in seiner Armee vor, und wie wirkt sich ihr Einsatz auf die Politik Chinas im laufenden Konflikt aus? Einschätzungen dazu vom Journalisten und Unternehmer Alexander Peske. Massive Staatsverschuldung, fortschreitende Deindustrialisierung, marode Infrastruktur: Großbritanniens neue Regierung steht vor einem Berg an Problemen. Die Diplom-Volkswirtin und Autorin Sabine Beppler-Spahl im Gespräch über die Gründe. Der Krieg im Nahen Osten hält an. Mit unserem Nahost-Korrespondenten Pierre Heumann blicken wir auf die aktuelle Lage und die innenpolitischen Auswirkungen in Israel. Und Michael Andrick erinnert sich in seinem Kommentar an die Volkssage, wonach der Storch die Babys bringt – und zeigt, wie falsche Prämissen dieser Art auch die Tagespolitik beeinflussen.

    Interview 1

    Alexander Peske: Nordkoreaner für Russland – wie reagiert China?

    Interview 2

    Sabine Beppler-Spahl: Haushaltsdebakel in Großbritannien – wie stoppt man die Deindustrialisierung?

    Interview 3

    Pierre Heumann: Krieg im Nahen Osten – wie geht es weiter?

    Kommentar

    Michael Andrick: Der Storch und die Babys – über falsche Prämissen in der Politik

    Ein Argument ist eine Reihe von Sätzen, die eine Schlussfolgerung begründen: Akzeptiere ich die Prämissen, so habe ich damit die Schlussfolgerung auch bereits akzeptiert. Erkenne ich das Enthaltensein der Schlussfolgerung in den Prämissen, so erkenne ich das Vorliegen einer Folgerung. Bewegt man sich durch leichtfertiges Akzeptieren eines nicht ganz verstandenen oder falschen Arguments in einer Diskussion weiter voran, können Behauptungen, denen man zuvor nicht widersprochen hat, später zur Begründung unwillkommener Schlussfolgerungen dienen. Dies zu studieren, ist interessant, denn öfters wird eine politische Agenda auf diese Weise diskursiv vorbereitet und im angerichteten Begriffsnebel dann auch umgesetzt. Betrachten wir ein Beispiel dafür, wie die Akzeptanz einer Schlussfolgerung trotz einer falschen oder unsinnigen Prämisse fatale Folgen haben kann. „(1) In Stadt X hatten die Einwohner im zweiten Halbjahr 2024 nach repräsentativen Umfragen 50 Prozent öfter Geschlechtsverkehr als im Vorjahr. (2) Außerdem wurden dort mehr Störche gesichtet als im Vorjahr. (C) Die Wahrscheinlichkeit von Kindsgeburten in Stadt X ist für das Jahr 2025 gestiegen.“ 

    Die Schlussfolgerung (C) dieses Arguments ist eine wahre Behauptung, auch wenn Prämisse (2), die zu ihrer Begründung ins Feld geführt wird, nichts als Volksaberglaube ist. Warum, so kann der nicht durch Logikvorlesungen gezüchtigte Mitbürger fragen, können wir das nicht einfach so stehen lassen? Es kommt doch das Richtige heraus! Lassen wir das Argument unbeanstandet, so darf auch die Fantasieprämisse von den Störchen (2) als wahr gelten. Und nun sage ich Ihnen: Es ist zwar richtig, dass, wie Sie sagen, Störche beim Überfliegen von Städten einen magischen Einfluss ausüben. Nur verläuft diese Magie in entgegengesetzter kausaler Richtung: Storchenüberflug ist das Symbol für eine Fehl- oder Totgeburt. Der Storch bringt keine Kinder, er raubt mit seinem langen Schnabel Neugeborene; das zeigt die klassische Darstellung des fliegenden Storches mit Kindsbündel.  Die Wahrscheinlichkeiten für Fehl- und Totgeburten sind also für 2025 gestiegen – nicht bloß die für Kindsgeburten im Allgemeinen. Ex falso sequitur quodlibet – aus etwas Falschem kann Beliebiges abgeleitet werden, sagt der Logiker. Und so ward das Projekt zur Ausrottung der Störche geboren.

    Denn wer kann es verantworten, dass Störche, diese langbeinigen Babykiller, frei herumfliegen – wo es doch zugestanden ist, dass sie Kindstode verursachen? Antwort: niemand. Deshalb findet sich schnell eine Koalition aller Regierungsparteien des Landes zusammen. Die Devise in allen Nachrichtensendungen lautet „Flatten the bird!“, abgeleitet aus dem wirkmächtigen Internetartikel eines Hobbyornithologen, also aus „der Wissenschaft“ selbst. Es sei jetzt „Pflicht der Solidarität“, den Störchen das Schnabelwerk zu legen, da ja Gesundheitsschutz Lebensschutz sei; und dass Leben nicht gerettet würden, das könne ja schließlich keiner wollen. Das Bundesinstitut für Vogelgefahren (BfV) fordert – fortdauernd forschen Vorgaben fachfremder Fachminister folgend – fortgesetzt forsches Vorgehen fernab vorliegender Fakten. Bald gibt es eine medial gut begleitete Kampagne mit Storchenjagdteams aus Kammerjägern und Bundeswehrsoldaten, die sich auf Stadtdächern und in Baumkronen herumtreiben, um Störchen aufzulauern – und dabei gelegentlich tragisch zu verunglücken. Es werden nun allabendlich Grafiken gezeigt, wie weit die Storcheninzidenz hat gedrückt werden können. Die Vorfeldorganisationen unserer Demokratie schalten Anzeigen: „Magieleugnern keine Bühne!“, „Gemeinsam gegen den Storch“ und „Magisch mitdenken!“ prangt es auf den Supermarktfassaden und den Eingangstüren der Bürgerämter, in die jetzt nur noch Bürger mit dem Anstecker der Anti-Storch-Initiative (ASI) eingelassen werden. „Wer Kinder sterben lässt“, erklärt der Minister, „der hat kein Recht auf einen Reisepass!“

    Nach den Abendnachrichten laufen Sondersendungen, deren Eröffnung dräuende Wagner-Musik mit traurigen Babygesichtern und voll ausgebreiteten Storchsilhouetten mischt: „Auch heute sind im Kampf gegen den Storch wieder Soldaten des Bundes von Dächern gestürzt. Wir besuchen trauernde Familien der Dienstleute. Aber wir müssen auch die aktuelle Auslastung der Tierkrematorien betrachten, die der anfliegenden Welle von Storchkörpern nicht mehr Herr werden. Es erwarten uns dramatische Szenen. Schließlich haben wir eine kurze historische Reportage vorbereitet darüber, wie der Spanische Storch im letzten Jahrhundert …“ Und alles, weil wir Argumente nicht ordentlich geprüft haben.