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    Montag, 22. Januar 2024, 5:05 Uhr
    Montag, 22. Januar 2024, 5:05 Uhr
    (Wdh.06:05, 07:05, 09:05, 12:05, 13:05, 18:05)

    Kontrafunk aktuell vom 22. Januar 2024

    Andreas Peter im Gespräch mit Paul Ingendaay, Anja Hoffmann und Miryam Muhm – Kontrafunk-Kommentar: Alexander Meschnig

    Vor wenigen Tagen ist in Davos das diesjährige Weltwirtschaftsforum zu Ende gegangen. Die freie Journalistin Miryam Muhm ordnet für uns die Bedeutung der Veranstaltung ein. Den früheren Spanien-Korrespondenten der FAZ Paul Ingendaay befragen wir zur komplizierten Situation, in der sich die spanische Regierung und die gesamte spanische Politik derzeit befindet. Über das Thema Christenverfolgung unterhalten wir uns mit Anja Hoffmann von der in Wien ansässigen Beobachtungsstelle für Intoleranz gegen Christen in Europa. Und Dr. Alexander Meschnig kommentiert eigenartige Reinigungsfantasien in Deutschland.

    Interview 1

    Rückblick auf das Weltwirtschaftsforum 2024 in Davos

    Interview 2

    Wie ist die politische Situation in Spanien?

    Interview 3

    Christenverfolgung in Europa

    Kommentar

    Reinigungsphantasien

    Im Jahr 1977 erscheint im Verlag Roter Stern ein voluminöses zweibändiges Werk mit dem Titel „Männerphantasien“. Sein Autor, der Literaturwissenschaftler Klaus Theweleit, befasst sich darin mit der soldatischen Literatur der 20er Jahre. In einem Kapitel seines Buches „Der Körper als Schmutz“ beschäftigt sich Theweleit mit den sprachlichen Metaphern in der Freikorpsliteratur. Begriffe wie „Schlammsumpf“, „Brei“, „Schleim“ oder „Scheiße“ finden sich regelmäßig bei der Beschreibung des Zustandes der verhassten Republik. Ein Dammbruch hat die „rote Flut“, den Bolschewismus, die Plutokratie, nach Deutschland hereingelassen? Mit einer nationalen Kraftanstrengung soll der frühere Zustand der Reinheit wiederhergestellt werden.
     
    Der aufmerksame Hörer wird bei den Bildern von Schlamm, Flut oder Dammbruch unmittelbar an die Gegenwart in Deutschland erinnert. Nur ist es diesmal nicht die radikale Rechte, die den politischen Gegner entmenschlicht und eine große „Verschmutzung“ konstatiert, sondern es sind die Vertreter des linken Milieus, die staatstragenden Parteien, gefolgt von einer Phalanx der Medien, die identische Metaphern bemühen. Die ständige Benennung der neuen Bundesländer als „brauner Sumpf“ ist bereits eine Standardvokabel in den deutschen Medien geworden. Neben dem Sumpf ist es die „Scheiße“, die nun stinkend mit den „Rechten“ und „Nazis“ wieder hochkommt. Dagegen müssen alle „Anständigen“, sprich diejenigen, die sauber bleiben wollen, aufstehen. Eine umfassende Reinigung vom Dreck der Unmenschen ist angesagt, denn Scheiße ist braun, also Nazi.
     
    Die britische Anthropologin Mary Douglas hat in ihrer Studie „Reinheit und Gefährdung“ gezeigt, dass die Angst vor Verschmutzung mit Symbolsystemen zu tun hat, in denen die Beziehung von Ordnung und Unordnung dominiert. Reinigungsrituale spielen in allen primitiven Gesellschaften eine wichtige Rolle. Es ist weniger die konkrete physische Gefahr, die von den Verunreinigten ausgeht, als der Kontakt mit den potenziell Verschmutzten, der vermieden werden muss. Heute kann ein gemeinsames Mittagessen mit einem AfD-Politiker, ein Like auf Facebook für die falsche Sache oder ein privates Treffen wie zuletzt in einer Villa in Potsdam einen schnell zum Unberührbaren machen.
     
    Ein moralisch guter Mensch ist heute im Wesentlichen einer, der sich davor schützt, mit „bösen Menschen und bösen Gedanken“ in Berührung zu kommen. Hier kann nur eine „Brandmauer“ helfen, die ständig in den Medien und von führenden Politikern beschworen wird. Wer einmal durch eine „Infektion von rechts angesteckt“ wurde, hat nur eine Möglichkeit: die Selbstreinigung durch ein umfassendes Geständnis, die zerknirschte Entschuldigung, die Selbstbezichtigung des Fehlgeleiteten. Am erschreckendsten ist aber das gute Gewissen der edlen Seelen, die dem politischen Gegner aus dem demokratischen Gefüge, ohne mit der Wimper zu zucken, ausschließen oder einer medizinischen Behandlung unterziehen möchten. Saskia Esken von der SPD twitterte in diesem Sinne nach der Wahl 2020 in Thüringen: „Die Koalition im Bund ist sich einig: Thüringen muss geheilt werden.“
     
    Die Medikalisierung der Politik ist ein wesentlicher Bestandteil totalitärer Systeme. Politik wird hier zu einer Hygienemaßnahme. Das, was nun nach der angeblichen Enthüllung eines sogenannten Geheimplanes der AfD zur Remigration täglich in Medien und Politik ohne Scham gefordert wird, erinnert in der Tat an die Sprache des Unmenschen. Die Entwertung und Diskreditierung des politischen Gegners als Nazi, als „brauner Dreck“, der „beseitigt“ werden muss, die nicht nur heimliche Lust an der Abwertung des anderen bei gleichzeitiger moralischer Erhöhung und schließlich die Gewissheit, auf der „richtigen Seite“ zu stehen das alles kann in seinen fatalen Folgen für den Zusammenhalt einer Gesellschaft nicht unterschätzt werden. Man muss kein AfD-Wähler sein, ja nicht einmal ein Sympathisant dieser Partei, um den Hass und die Entmenschlichung abscheulich zu finden, der sich auf der Seite der selbsternannten Weltoffenen und Toleranten täglich ungehemmter offenbart.
     
    Inzwischen ist jeder ein Unberührbarer, der die eigene linke Meinung nicht teilt. „Tichys Einblick“, die „Achse des Guten“, Kontrafunk, die Werteunion der CDU, die „Klimawandelleugner“, allen voran aber die Wähler und Funktionäre der AfD, die pauschal als Nazis gelten. Das ist, auch wenn man einige Politiker der AfD durchaus problematisch finden kann, nicht nur eine unglaubliche Verharmlosung des Nationalsozialismus – die AfD will weder Lager errichten noch Millionenfachen Mord organisieren, ihr Programm entspricht in etwa dem der CDU Helmut Kohls –, sondern eine fortwährende Enthumanisierung des politischen Gegners. Braune Scheiße muss man einfach wegmachen, daran führt kein Weg vorbei. Denn, so der aktuelle Slogan: „Ganz Deutschland hasst die AfD.“

    Millionen von Wählern dieses Landes sehen sich heute als Unmenschen, abgeurteilt und entwertet. Eine neue Kaste der Verfemten ist seit dem Herbst 2015 entstanden. Im Prinzip dürften sie nach dem Willen des Justemilieus als Feinde der Demokratie gar nicht mehr wählen. Und nach Thüringen 2020 haben wir bereits gelernt, dass Wahlen auch rückgängig gemacht werden können. Eine demokratische Gesellschaft ist unvereinbar mit primitiven Vorstellungen von rein und unrein, von Einschluss und striktem Ausschluss. Demokratie beruht auf Kompromiss und Aushandlungsprozessen. Niemand hat das Recht, andere von demokratischen Verfahren auszuschließen. Niemand hat das Recht, missliebige Personen zu diskreditieren, wobei das Denunziantentum heute als mutige Tat gefeiert wird. Noch sind es nur Phantasien: den „braunen Dreck“ entfernen, die „rechte Krankheit“ heilen, einen Cordon sanitaire errichten, aber sie entfalten ihre Wirkung bereits im täglichen Umgang eines jeden von uns.
     
    Jetzt, wo die Zustimmungswerte der AfD täglich neue Höhen erreichen, wird das Diffamieren und Denunzieren des politischen Gegners, wie gerade aktuell zu sehen, nochmals verschärft. Der Aufstand der Anständigen ist endgültig dabei, zu einer totalitären Angelegenheit zu werden.