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    Dienstag, 23. Januar 2024, 5:05 Uhr
    Dienstag, 23. Januar 2024, 5:05 Uhr
    (Wdh.06:05, 07:05, 09:05, 12:05, 13:05, 18:05)

    Kontrafunk aktuell vom 23. Januar 2024

    Marcel Joppa im Gespräch mit Susanne Heger, Frank Wahlig und David Dürr – Kontrafunk-Kommentar: Klaus Alfs

    In der Ausgabe vom 23. Januar blicken wir mit Berlin-Korrespondent Frank Wahlig auf die „Demonstrationen gegen rechts“, deren Teilnehmer und die politischen Hintergründe. In einem Interview mit dem Rechtsanwalt Prof. Dr. David Dürr geht es um die Versuche der Regierung in der Schweiz, die Corona-Impfstoff-Verträge mit den Pharmafirmen vor der Öffentlichkeit geheim zu halten. Mit unserer USA-Korrespondentin Susanne Heger blicken wir auf die Vorwahlen der Republikaner und die Chancen von Donald Trump nach dem Ausscheiden von Ron DeSantis. Schließlich geht Klaus Alfs in seinem Kommentar auf die Reaktion der deutschen Ampel-Regierung auf die Bauern-Proteste ein.

    Interview 1

    Demo „gegen rechts“ in Berlin

    Interview 2

    BAG weigert sich, Impfverträge offenzulegen

    Interview 3

    Vorwahl USA: DeSantis’ Rückzug

    Kommentar

    Tierwohlcent?

    Die Aktionswoche der deutschen Landwirte ist vorbei. Ein bisschen ist auch erreicht worden, nämlich die Rücknahme der geplanten KfZ-Steuer auf landwirtschaftliche Nutzfahrzeuge. Das war es vielleicht auch schon. Die Steuervergünstigung für Agrardiesel wird wohl gestrichen, wenn auch stufenweise. Bauernpräsident Rukwied hat deshalb weitere flächendeckende Protestaktionen angekündigt. Mal sehen, wer den längeren Atem hat.

    Der Kollateralschaden solcher Aktionen ist allerdings, dass die durchgerüttelten Adressaten auf allerlei Ideen kommen, um sich als Macher zu profilieren. Setzt man die Regierung unter Druck, werden in den Ministerien Untergebene angeherrscht, gefälligst Vorschläge zu liefern, und zwar dalli. Diese schauen in ihre Aktenschränke, was sich dort über die Jahrzehnte angesammelt hat, und kramen zielsicher alte Schnapsideen heraus, die sie den Ministern als frisch gelegte Eier des Kolumbus zum Frühstück präsentieren. „Famos!“, rufen diese und gehen mit breiter Brust in die Bundestagsdebatte. So schlägt nun der deutsche Landwirtschaftsminister Cem Özdemir einen „Tierwohlcent“ vor. Dieser ermögliche es den Landwirten, Fleisch, Milchprodukte und Eier ohne Einbußen nach den Wünschen der Verbraucher zu produzieren. Das hatte schon das im letzten Jahr eingestellte „Kompetenznetzwerk Nutztierhaltung“, die sogenannte Borchert-Kommission, vorgeschlagen – eines der vielen überflüssigen Gremien im Lande, die nichts anderes produzieren als tonnenweise Papier, welches aber – wie man sieht – hervorragend recycelt werden kann. Motto: Da war doch was … Genau: Tierwohlabgabe.

    Tierwohl klingt immer gut. Wer hat schon was gegen Tierwohl? Dafür wird man doch einen Cent mehr locker machen können, oder? Schließlich sagen das alle Verbraucherumfragen, und nun schlägt es sogar der „Bürgerrat Ernährung“ vor. Problem gelöst! Die Landwirte können friedlich nach Hause fahren und dort ihrer wohlverdienten Insolvenz entgegenackern.

    Das ist genau das, was Bürger und Landwirte wollen: höhere Preise und mehr Bürokratie! Özdemir hat das ultimative Gespür für Volkes Wille und handelt ihm mit traumwandlerischer Sicherheit zuwider. Die Borchert-Kommission hatte sich seinerzeit für eine zweckgebundene Sonderabgabe ausgesprochen und 3,6 Milliarden Euro Mehreinnahmen errechnet. Mit dieser Summe will Özdemir nun die 440 Millionen Verluste durch die höheren Energiepreise kompensieren. Wenn der „Tierwohlcent“ nicht als zweckgebundene Sonderabgabe, sondern als Steuer erhoben wird, wird eher ganz Peru mit Radwegen aus deutschen Steuergeldern zugepflastert, als dass Landwirte auch nur einen Cent des Cents bekommen.

    Der Milchindustrie-Verband (MIV) hat bereits vorgerechnet, dass die Milcherzeuger am Schluss die Kosten selbst tragen müssten. Und wofür das Ganze? Für nichts. Denn was ist Tierwohl? Tierwohl ist eine ungeschickte Übersetzung des Ausdrucks „Animal Welfare“. Dieser Begriff wiederum wurde in Großbritannien als Reaktion auf den Bestseller „Animal Machines“ von 1964 geprägt, wo die Autorin die industrielle Haltung von Nutztieren, vor allem von Hühnern kritisierte. Zu dieser Zeit betrug die durchschnittliche Größe eines Legehennenbetriebs in Großbritannien allerdings bloß 250 Exemplare. Heute werden Außenställe für Biobetriebe mit 250 Hennen erfolgreich von Bürgerinitiativen gegen Massentierhaltung verhindert – kein Scherz! Seitdem wird das Augenmerk der Fachleute nicht mehr in erster Linie auf objektive Gesundheitsdaten gelegt, sondern darauf, wie sich die Tiere wohl fühlen mögen. Das Standardwerk „Handbuch Tierethik“ von 2019 fasst indes den Forschungsstand bezüglich der Tiergefühle folgendermaßen zusammen: „Aus Sicht der Verhaltensbiologie ist unbestritten, dass Tiere Emotionen aufweisen. Ob diese auch bewusst von Tieren erlebt werden, es sich also um Gefühle handelt, ist nicht klar.“

    Damit wird aber klar, was Tierwohl bedeutet: Tierwohl ist das bewusst zelebrierte Wonnegefühl von urbanen Wohlstandsmenschen beim Betrachten von Tieren. Es ist umso größer, je natürlicher sie das Umfeld der Tiere einschätzen, und gänzlich unabhängig davon, wie es den Tieren gehen mag. Laut einer Umfrage der Uni Göttingen ist „Natürlichkeit“ der Schlüsselreiz bei der Beurteilung von Stallsystemen. Stroh wird zum Beispiel als tierfreundlicher wahrgenommen als Betonspalten. Was die Schweine dazu meinen, die im Stroh überhitzen und mit Mykotoxinen geplagt werden, spielt keine Rolle. Sie haben dort gefälligst glücklich zu sein. In der Praxis richten Verbraucher sich rational nach dem Preis und sind überhaupt nicht bereit, für den Quark, der ihnen als Tierwohl angedreht wird, auch nur einen Cent mehr zu zahlen. Die Proteste der Landwirte – so eindrucksvoll sie waren – werden keine durchschlagende Wirkung entfalten, wenn es keine 180-Grad-Wende der gesamten Politik gibt. Es wird dann wohl nur noch mehr destruktiver Unfug beschlossen werden.