Kontrafunk aktuell vom 12. Dezember 2023
Prof. Dr. Thomas Mayer ist ehemaliger Chefvolkswirt der Deutschen Bank. Im Gespräch mit Marcel Joppa geht es um die aus Mayers Sicht fatale Umgehung der deutschen Schuldenbremse. Welchen Einfluss die Psyche auf unser Immunsystem hat und wie verheerend die Corona-Panik-Politik der Bundesregierung für die Gesundheit war, erklärt Marco Schmitz, Arzt für integrative Medizin mit dem Schwerpunkt Psychoneuroimmunologie. Und Rechtsanwalt Andreas Krämer klärt auf über die Digitalisierung der Automobile und die Datenerhebung der Versicherungen. Alexander Meschnig widmet sich schließlich in seinem Kommentar dem linken Antisemitismus.
Schuldenbremse - Unsinn oder berechtigte Methode?
Psyche, Immunsystem, Corona
Das digitale Auto
Linker Antisemitismus
Am 9. November 1969 deponieren Mitglieder der linksextremen Tupamaros Westberlin eine Bombe im Jüdischen Gemeindehaus, die während einer Gedenkveranstaltung zur Reichspogromnacht 1938 explodieren soll. Zum Glück für die Anwesenden ist der Zünder nicht intakt, und so kommt niemand zu Schaden. In einem Bekennerschreiben der Gruppe heißt es unter „Schalom + Napalm“:
Jede Feierstunde in Westberlin und in der BRD unterschlägt, dass die Kristallnacht von 1938 heute täglich von den Zionisten in den besetzten Gebieten, in den Flüchtlingslagern und in den israelischen Gefängnissen wiederholt wird. Aus den vom Faschismus vertriebenen Juden sind selbst Faschisten geworden, die in Kollaboration mit dem amerikanischen Kapital das palästinensische Volk ausradieren wollen.
Nach dem Massaker der Hamas an Zivilisten in Israel am 7. Oktober 2023 vergingen nur wenige Tage, und die über tausend jüdischen Opfer, erschossen, vergewaltigt und bei lebendigem Leib verbrannt, waren vergessen. Stattdessen setzte das Klagen über die Lage der palästinensischen Zivilbevölkerung ein, eine Bevölkerung, die in weiten Teilen ein paar Tage zuvor noch die Ermordung Unschuldiger frenetisch in den Straßen Gazas gefeiert hatte. Jetzt waren sie in den Augen der Weltmeinung wieder ausschließlich die Opfer einer überlegenen israelischen Militärmacht. Dass unmittelbar nach den Massenmorden der Hamas von einer Mitschuld Israels die Rede war, UN-Generalsekretär Guterres sprach davon, dass der Angriff nicht in einem „luftleeren Raum“ erfolgte, passte in das übliche Narrativ: die Palästinenser als Opfer der jüdischen Politik. Die Juden sind, siehe das Eingangszitat, selbst zu Faschisten geworden, die, auch ein Gemeinplatz, einen Genozid an den unschuldigen Palästinensern begehen; der wohl einzige Genozid in der Geschichte, bei dem die Bevölkerungszahl sich nicht verringert, sondern vervielfacht hat.
Der aktuell gehörte Vorwurf, Israel sei ein Apartheidstaat und verübe einen Massenmord an der arabischen Bevölkerung, hat auf Seiten der politischen Linken eine lange Vorgeschichte. Viele Mitglieder der Roten Armee Fraktion (RAF), etwa Baader, Ensslin und Meinhof, wurden in arabischen Ausbildungscamps auf den bewaffneten Kampf gegen die „Zionisten“ vorbereitet. Ein Hauptziel ihrer Aktionen lag darin, Flugzeuge der israelischen El Al zu kapern, Piloten, Stewardessen und Passagiere zu ermorden und den jüdischen Staat zu erpressen, um Gefangene freizubekommen. Die Ermordung der israelischen Sportler 1972 in München durch das palästinensische Kommando „Schwarzer September“ galt in den Augen der RAF als „gleichzeitig antiimperialistisch, antifaschistisch und internationalistisch.“ „Israels Nazifaschismus“ habe nur erhalten, was er verdiene. Die noch heute verehrte Ulrike Meinhof verstieg sich sogar zu der These, die israelische Regierung habe ihre Sportler „verheizt wie die Nazis die Juden".
Im Prinzip haben wir es hier mit einer einfachen Schuldumkehr zu tun die psychische Entlastung bringt. Wenn das einstige Opfer heute eine große Schuld auf sich lädt, sind wir als ehemalige Täter davon befreit, denn es zeigt nur deutlich, dass die Juden „nicht besser“ als wir sind, im Gegenteil: „Wir“ haben unsere historische Lektion längst gelernt, während sich die Juden nach Auschwitz immer noch als lernresistent erweisen. Die eigene Schuld kann psychisch bewältigt werden, indem man die Opfer des Holocaust nun selbst der Täterschaft überführt, da die Juden ihre (arabischen) Nachbarn unterdrücken und sich wie Kolonialherren, ja schlimmer noch wie Nazis benehmen.
In dieser Logik geht die begehrte Opferposition auf die Palästinenser und generalisiert auf alle Muslime über. Für die in den westlichen Universitäten blühenden „Post Colonial Studies“ gilt Israel als Kolonialmacht und seine Bewohner als „weiß“, also per se als schuldig. Der „Antikolonialismus“, der auf die Verbrechen der weißen Europäer – und Israel gilt als „weißes Land“ – zielt, deren Expansion sozusagen das Grundübel in die Welt brachte, bedient sich dieser Formel auf exzessive Weise und besteht im Kern, so der Althistoriker Egon Flaig, aus einer „emotionalisierten Solidarität mit den sogenannten Unterdrückten“, die jederzeit abgerufen werden kann. Zwar ist die religiös begründete Erbsünde heute in den westlichen Ländern nicht mehr von Bedeutung, sie kehrt aber, gewissermaßen säkularisiert, in Schuldbekenntnissen für die Benachteiligten und Unterdrückten, etwa in Afrika oder der islamisch-arabischen Welt, zurück.
Die populäre linke Erzählung vom Aufstand der Unterdrückten fand, nachdem der Proletarier abgedankt hat, im Palästinenser und allgemein im Islam ein neues revolutionäres Subjekt. Der mit der Revolution im Iran 1979 in das westliche Bewusstsein tretende Islam kann als die Fortschreibung der großen Erzählung von der Erhebung der Erniedrigten und Beleidigten interpretiert werden. Die iranische Revolution war streng antiwestlich, antikapitalistisch und antiamerikanisch ausgerichtet. Nicht zu Unrecht verweist der französische Soziologe Pascal Bruckner auf den fast nahtlosen Übergang eines Teils der Linken vom Kommunismus zum Islam als Ersatzobjekt der eigenen Wunschfantasien:
Auch wenn der Iran danach, wie davor schon die meisten Tropensozialismen und Drittweltdiktaturen, seine ehemaligen Bewunderer enttäuscht hat, das Bild der islamischen Welt ist bis heute, siehe etwa die erfolgreichen Bücher des ehemaligen CDU-Politikers Jürgen Todenhöfer, eines des Opfers jahrzehntelanger imperialer Dominanz und Gewalt geblieben, mit den Palästinensern als neuer Heiligenfigur. Die Gender-Ikone der Linken, Judith Butler, kann deshalb öffentlich erklären: „Ja, ich glaube, es ist extrem wichtig, Hamas und Hisbollah als soziale, progressive Bewegungen zu verstehen, die zur Linken gehören, die Teil der globalen Linken sind.“
Entscheidend für die Sicht der politisch Linken, aber auch ganz normaler Bürger ist heute, dass der Staat Israel als ein (weißes) Kolonialprojekt betrachtet wird. Die „Postcolonial Studies“ folgen der einfachen und manichäischen Formel einer Spaltung der Welt in den reichen Norden und den armen Süden, in Unterdrücker und Unterdrückte, in denen die Rollen ein für alle Mal klar verteilt sind. Oben und unten, Täter und Opfer sind in dieser Logik trennscharf zu unterscheiden. Israel ist der Kolonialherr und seine Staatsgründung ein (neo)kolonialer Akt, der im Kern die (halluzinierte) Vernichtung der Palästinenser zum Ziel hat. Der vielbeschworene Antikolonialismus dient dabei der Rechtfertigung palästinensischen Terrors denn es ist ja das unterdrückte Opfer das sich mit allen Mitteln gegen einen übermächtigen Gegner wehrt. Das Fatale ist, dass der Israel-Hass, der von den linken Anhängern der „Decolonize-Bewegung“ ausgeht, in den letzten Jahren Universitäten, Publizistik, die (sozialen) Medien und Kultureinrichtungen erfasst hat und auf breite Zustimmung stößt, wie in Internetforen oder Leserkommentaren in Zeitungen zum gegenwärtigen Krieg Israels gegen die Hamas deutlich wird. Von einer Solidarität mit Israel und der jüdischen Bevölkerung sind wir weit entfernt, und es ist insbesondere die politische Linke, die nicht verstehen will, dass es schon längst nicht mehr allein um die israelische, sondern auch um unsere Zukunft geht, wenn es uns nicht gelingt, den islamistischen Terror einzudämmen. Es geht hier um einen Konflikt, der, verursacht vor allem durch eine suizidale Einwanderungspolitik, schon längst in Deutschland angekommen ist.
