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Die Nachrichten vom 15. Juni, 15 Uhr
    Dienstag, 26. Dezember 2023, 5:05 Uhr
    Dienstag, 26. Dezember 2023, 5:05 Uhr
    (Wdh.06:05, 07:05, 09:05, 12:05, 13:05, 18:05)

    Kontrafunk aktuell vom 26. Dezember 2023

    Am 26. Dezember setzen wir unsere Reihe über Migration fort. Schwerpunktmäßig blicken wir diesmal auf Österreich. Moderator Gernot Danowski hat dazu die Historikerin und Publizistin Gudula Walterskirchen zu Gast. Der Pfarrer Jürgen Fliege erklärt anlässlich des Weihnachtsfestes, warum das Zurückgehen in die eigene Kindheit an Weihnachten etwas Wichtiges, Natürliches und Notwendiges ist. Wie es ist, mit einer großen Familie zu feiern, und was uns die Familie überhaupt bedeutet, besprechen wir mit Alexander von Bismarck Döbbelin. Und: Alle sprechen über Jesus, aber was ist eigentlich mit Maria? Dieses Thema nimmt sich Cora Stephan in Ihrem Kommentar zum heutigen Feiertag vor.

    Interview 1

    Migrations-Reihe: Österreich

    Interview 2

    Weihnachten zurück in die Kindheit. Warum tut uns das so gut?

    Interview 3

    Familie und andere Unwägbarkeiten

    Kommentar

    Aber was ist mit Maria?

    Die niedlichen Krippen, die um Weihnachten aufgestellt werden, zeigen ein Bild, das viele heute nicht mehr als zeitgemäß erachten, ja geradezu als reaktionär und obszön empfinden: Vater, Mutter, Kind. Um Himmelswillen! Doch vielleicht ist das alles viel zeitgemäßer, als man so denkt. Denn der Vater ist nicht der Vater. Und die Mutter eigentlich auch keine richtige Frau, sondern ein Gefäß. Und welches Geschlecht der Heilige Geist hat, wissen wir nicht. Kaum etwas könnte diverser, vielfältiger und fluider sein als Maria und Joseph an der Krippe, in dem das Jesuskind liegt. 

    Also Maria als Schirmherrin aller Leihmütter – das wäre doch was! Oder als Schutzengel aller Transfrauen, der Heilige Geist kriegt das schon hin. Wer ganz und gar entbehrlich zu sein scheint, ist Joseph. Kirchenvater Augustinus (4. Jahrhundert n. Chr) deklarierte: „Virgo concepit, miramini: virgo peperit, plus miramini: post partum, virgo permansit.“ „Die Jungfrau empfing; staunt: Die Jungfrau gebar; staunt noch mehr: Auch nach der Geburt blieb sie Jungfrau.“ Und Papst Siricus postulierte im Jahre 392: „Jesus hätte sich nicht die Geburt aus einer Jungfrau gewählt, wenn er sie als so wenig enthaltsam hätte betrachten müssen, dass sie jene Geburtsstätte des Leibes des Herrn, jene Halle des ewigen Königs, durch menschliche Begattung entweihe.“ 

    Somit wäre Maria vortrefflich geeignet als Beschützerin aller Frauen, die außerehelich oder ehebrecherisch ein Kind empfangen haben. Seht her, hätten die Frauen sagen können, wir haben es nicht zum Allerletzten kommen lassen, wir waren und sind Jungfrauen, auch noch nach der Geburt, der Heilige Geist war’s, Maria sei unsere Zeugin! Doch womöglich haben die Kirchenväter solch weibliche List intuitiv vorhergesehen und ihr einen Riegel vorgeschoben: Im 19. Jahrhundert genügte es nicht mehr, dass Maria vor, während und danach Jungfrau war, sondern sie selbst musste bereits unbefleckt empfangen worden sein. 1854 verkündete die römisch-katholische Kirche das Dogma von der unbefleckten Empfängnis Mariens. Das bezieht sich nicht auf die Empfängnis Jesu, sondern auf die seiner Mutter, die auf natürliche Weise von ihren Eltern gezeugt, empfangen und geboren wurde, dabei aber als einziger Mensch von der Erbsünde frei war. Gott habe Maria vom ersten Augenblick ihres Daseins an vor der Sünde bewahrt, weil sie die Mutter Gottes werden sollte.

    Und so donnerte es von der Kanzel: „Zur Ehre der Heiligen und ungeteilten Dreifaltigkeit, zur Zierde und Verherrlichung der jungfräulichen Gottesgebärerin, zur Erhöhung des katholischen Glaubens und zum Wachstum der christlichen Religion (…) verkünden und bestimmen wir (…): Die Lehre, dass die seligste Jungfrau Maria im ersten Augenblick ihrer Empfängnis (…) von jedem Fehl der Erbsünde rein bewahrt blieb, ist von Gott geoffenbart und deshalb von allen Gläubigen fest und standhaft zu glauben.“ Wer‘s nicht tut, wird exkommuniziert. Das war ein geschickter Schachzug der Kirchenmänner. Wie nur sollten andere Frauen jetzt noch beweisen können, dass sie ebenfalls von der Erbsünde frei sind? So wurde Maria zum unerreichten Ideal (von wem auch immer): unbefleckt von allem und jedem. Das Konzil von Ephesos im 5. Jahrhundert beschloss, dass Maria eine „Immerjungfrau“ gewesen sei, obzwar Jesus Geschwister hatte. Macht nichts, das waren dann eben die Kinder von Joseph. 

    Das Bild von Maria als der idealen Frau, wie es Männer verbreiteten, erwies sich als eine schwere Bürde – für die Frauen, natürlich, ausschließlich. Nun hatte sich jede gläubige Frau zu bemühen, so keusch, gehorsam und demütig wie Maria zu sein. Der vom Heiligen Geist gehörnte Joseph aber blieb unbehelligt, ein armer Kerl, der mit so viel Göttlichem nicht mithalten konnte. Eine Frau, die Maria zum Vorbild hatte, musste konsequenterweise ins Kloster gehen, auch wenn sie dadurch von der Erbsünde nicht frei wurde. Doch war man im Kloster wenigstens frei von eifernden Männern, die offenbar alle Frauen verachten mussten, die nicht dem Maria-Ideal entsprachen, weshalb sie sich deren nur mit äußerster Abscheu bedienten. Das ist die düstere Kehrseite des Marien-Ideals, Frauen mussten sich seither entscheiden, ob sie Heilige oder Hure sein wollte. Und so kamen das Patriarchat und der Feminismus in die Welt, und unter beidem leiden wir Frauen noch immer.