Kontrafunk aktuell vom 25. Oktober 2023
In der Sendung vom 25. Oktober widmet sich Moderator Gernot Danowski der Frage: Ist Neutralität möglich? Zu dem Thema äußert sich der Neutralitätsforscher Dr. Pascal Lottaz. Über Staatsschulden und ob sie wirklich egal sind sprechen wir mit dem Ökonomieprofessor Guido Hülsmann vom Austrian Institute. Im Kanton St. Gallen werden einige Spitäler geschlossen. Der ehemalige Kantonsrat Erwin Böhi hat die Hintergründe dazu. Und Burkhard Müller-Ullrich spricht einen Nachruf zum Tode des Philosophen Gunnar Kaiser.
Ist Neutralität möglich?
Sind Staatsschulden wirklich unproblematisch?
Welche Hintergründe hat das Spitalschließen im Kanton St.Gallen?
Nachruf zum Tode von Gunnar Kaiser
Seine Stimme konnte hypnotisieren. Das wussten seine Schüler, und später, nachdem er eine Medienpersönlichkeit geworden war, seine zahlreichen Fans. Mehr als eine Viertelmillion Abonnenten folgten seinem Kanal „Kaiser TV“ auf Youtube. Das ist eine für den deutschsprachigen Raum stupende Zahl, zumal er dort keine Katzenvideos und Lifehacks verbreitete, sondern philosophische Erörterungen. Trotzdem gibt es auf Wikipedia für Gunnar Kaiser keinen Eintrag. Jedenfalls nicht auf Deutsch. Man kann sich höchstens an einem von Antipathie und Falschinformation getränkten Artikel in der englischsprachigen Wikipedia orientieren.
Als wir einander kennenlernten, war Gunnar noch Studienrat an einem Kölner Gymnasium. Er hatte einen Roman geschrieben und wollte sein Deutschlehrerdasein hinter sich lassen. Nebenher arbeitete er für die „Neue Zürcher Zeitung“, die „Welt“ und die „Jüdische Allgemeine“. Doch dann senkte sich unvermittelt der Corona-Kult über unsere Gegenwart, und der lockere Habitus des Literaten wich einer tief empfundenen Weltverzweiflung, die gar nichts mehr von dem Gestus des Bohemiens hatte, der Gunnar auch war.
Die erste Konsequenz bestand darin, dass er seine Beamtenstelle kündigte, weil er den Gewaltakt, mit dem Schüler zum Maskentragen während des Unterrichts gezwungen wurden, nicht hinnehmen, geschweige denn selber vornehmen konnte. Gleichzeitig erlangte er durch die steigenden Einschaltquoten seiner Videos nicht nur finanzielle Unabhängigkeit, sondern wurde zu einem wirklichen Star des Widerstands. Als Filmemacher entfaltete er eine kaum menschenmögliche Produktivität, reiste kreuz und quer durch Europa, drehte Interviews mit prominenten Kritikern des laufenden Staatsverbrechens, erwies sich auch als wortgewaltiger Alleinredner mit einem soliden philosophischen Background und zugleich als talentierter Satiriker, der Szenen von umwerfender Komik spielte.
Das Publikum erlebte eine Künstlerpersönlichkeit im Vollbrand: einen kämpferischen Intellektuellen, einen witzigen Entertainer und einen perfekten Frauenschwarm, denn Gunnar Kaiser war ein schöner Mann mit einer, wie gesagt, hypnotischen Stimme. Er nutzte auch die neuen Möglichkeiten der Medientechnik auf seine souveräne Weise, organisierte Liveübertragungen per Youtube, in denen er rotweintrinkend mit seinen Zuschauern interagierte, die ihm per Kommentarfunktion Fragen stellen konnten. Ein Höhepunkt war die Silvestersendung vor zwei Jahren: eine One-Man-Show, wie sie kein öffentlich-rechtliches Format jemals zustande brachte – geistvolle und zugleich unterhaltsame Minimal Art.
Mit der düsteren Erkenntnis, dass der Pandemieterror viel tiefer geht und länger dauert, als es sich selbst der luzide Denker Gunnar Kaiser vorzustellen vermocht hatte, orientierte er sich weg vom großen Publikumserfolg zur Rückzugsidee einer kleinen, fast klösterlichen Gemeinschaft. Er gedachte, ein Landgut in Italien zu kaufen, wo er mehr als Guru denn als Superstar Menschen um sich scharen wollte, die philosophische Gespräche und spirituelle Erlebnisse suchten. Diesen Plan stoppte die Diagnose seiner Krebserkrankung jäh. Die Nachricht davon verbreitete er selbst, sprach seine Erwartung und Verzweiflung direkt in die Kamera, versteckte auch nicht die Zeichen der Chemotherapie: den kahlen Kopf und das ausgezehrte Antlitz. Er wusste, dass er, der das Philosophieren stets mit einem fröhlichen, fast jugendlichen Touch gepflegt hatte, sich jetzt der Wahrheit des Satzes von Michel de Montaigne aus dem 16. Jahrhundert fügen musste: Philosophieren heiße sterben lernen.
Als die Öffentlichkeit am Montag von seinem Tod erfuhr, lag dieser schon zwei Wochen zurück. Ein bemerkenswerter Umstand bei jemandem, der immer die Publizität gesucht und genossen hatte. Man kann dieses Embargo, ob er es selbst verfügt hat oder nicht, als einen Versuch deuten, dem Schicksal wenigstens ein kleines bisschen seiner Macht abzutrotzen – die Macht über den Zeitpunkt der Mitteilung.
Wir Empfänger der Mitteilung sind aber betäubt und betroffen darüber, dass Gunnar den üblen Lauf der äußeren Dinge nicht mehr mit seiner geschliffenen Kritik und seinem kreativen Spott begleitet. Gestorben ist ein Kämpfer für freie Debattenräume, ein Märtyrer der wildgewordenen Vernichtungslust eines verkommenen Establishments von Mainstreampresse bis Friedrich-Naumann-Stiftung – ewig unvergessen sind die widerwärtigen Versuche, ihn wegen seines schlichten Zweifels an der politischen Orthodoxie zum rechtsextremen Corona-Leugner zu machen. Und gestorben ist auch, das soll nicht unerwähnt bleiben, ein junger Vater.
